Die Kelten: Gegner und Nutzniesser Roms

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    • Die Kelten: Gegner und Nutzniesser Roms


      Einführung


      Wer sich mir der Geschichte von Rom befasst, der stolpert zwangsläufig irgendwann über ein Volk, das wohl wie keine anderes von Mystik und Geheimnissen umrankt ist: Die Kelten. Die Art und Weise, wie die Kelten in den Spielen der Total War-Reihe dargestellt werden, ist sinnbildlich dafür, wie sie bis heute in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden: Sie sind die klassischen Antipoden Roms, wilde Barbaren, deren ungestümes und kriegerisches Temperament die „zivilisierte“ Welt des antiken Mittelmeerraumes in Angst und Schrecken versetzte.

      Tatsächlich begleiten die Kelten Rom im Prinzip seit der mystischen Gründung der Tiberstadt im 8. Jahrhundert vor Christus. Es waren die Kelten, die Rom im 4. Jahrhundert vor Christus erstmals plünderten. Sie waren es auch, die später mit dem punischen Feldherrn Hannibal gegen die ewige Stadt zogen. Die keltischen Stämme waren aber nicht nur Spielball der mediterranen Mächte – immer wieder verstanden sie es auch, den Spiess umzudrehen.

      Sie unterlagen dem überlegenen römischen Staats- und Militärwesen schliesslich auf tragische und blutige Weise. Sinnbildlich dafür steht der heroische Widerstand des grossen Keltenführers Vercingetorix. Er versuchte sein Volk zum letzten grossen Aufbäumen gegen die mit Schild und Pilum alles verschlingenden Aggressoren zu motivieren. Seine Niederlage in Alesia ist stellvertretend für den langen und oftmals leidvollen Zusammenprall der Kelten mit Rom.

      Aber die Kelten waren auch jenes Volk, welches erfolgreich in der neuen römischen Ordnung aufzugehen vermochte. Kein anderes der von Rom eroberten Gebiete wurde derart intensiv romanisiert - also von den Vorzügen und Eigenheiten der römischen Lebensart durchdrungen - wie das keltische Kernland in Gallien. Die Kelten waren also beides: Leidtragende und Profiteure der römischen Weltherrschaft.

      Dieser Thread und alles, was darin geschrieben steht, soll diesem denkwürdigen Volk gewidmet sein, welches uns bis heute in den Bann zieht.

      1. Die Ursprünge der Kelten


      Die Geschichte der Kelten lässt sich heute bis etwa ins 6. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen. Namentlich erwähnt werden sie erstmals von antiken griechischen Autoren. Das ist wenig verwunderlich: Bevor die Kelten mit Rom in Konflikt gerieten, standen sie schon über Jahrhunderte hinweg in Kontakt mit der griechischen Hochkultur.

      In den Erwähnungen und Werken der griechischen Schreiber tauchen sie vor allem als militärische Gegner auf. Den ersten gesicherten Nachweis der Kelten erbrachte der Historiker Herodot (490 bis 424 v. Chr.). Er lokalisiert in seinen Werken einen keltischen Stamm im Quellgebiet des Istros (Donau). Die Wissenschaft geht aber davon aus, dass die Kelten als Volksgruppe bereits im 6. Jahrhundert vor Christus dem Geographen Hekataios von Milet bekannt waren.

      Archäologisch erstmals fassbar werden die Kelten Mitteleuropas im Bereich der späten Westhallstattkultur (Eisenzeit), die sich im 6. und 5. Jahrhundert v.Chr. von Südfrankreich über die Schweiz bis nach Südwestdeutschland erstreckte (siehe Karte).



      2. Die Westhallstattkultur: Leben, Gesellschaft und Krieg der frühen Kelten (bis ca. 5. Jahrhundert v.Chr.)


      Die materielle Grundlage der frühen Keltenkulturen Mitteleuropas bildeten in erster Linie Ackerbau und Viehzucht. Allerdings weiss man heute, dass die Kelten bereits damals regen Handel betrieben und auch geschickte Handwerker waren. Entgegen kursierender Vorurteile waren also schon die frühen Keltenkulturen keine dumpfen, primitiven Gesellschaften, sondern zeichneten sich durch einen gewissen Grad an zivilisatorischer Entwicklung aus.

      Die Landschaft, in der die Kelten lebten, unterschied sich wesentlich vom heutigen Zustand. Ausserhalb grösserer Siedlungen, die es bereits gab, war die Natur weitgehend unberührt. Ein ausgebautes Strassen- und Wegenetz war nicht vorhanden. Für den Transport von Handelsgütern bedienten sich die Kelten primär der natürlichen Wasserstrassen (Flüsse, Seen).

      Die keltischen Siedlungen lagen zerstreut und oftmals mussten weite Wege zurückgelegt werden, um zu anderen Siedlungsräumen zu gelangen. Die meisten Menschen dürften damals jedoch zeitlebens nie über den Dorfrand hinaus gekommen sein. Sie waren sesshafte, schollengebundene Bauern.

      Landwirtschaft und Handwerk


      Die Kelten verwendeten damals in der Landwirtschaft bereits eiserne Pflugscharen, wodurch sie die fruchtbaren Böden relativ effizient bewirtschaften konnten. Angebaut wurden diverse Getreidesorten sowie Hanf, Flachs und Hülsenfrüchte. Auch Färberwaid zum blaufärben von Textilien wurde kultiviert.

      Das am weitesten verbreitete Haustier jener Zeit war das Rind. Es wurde als Zugtier verwendet und diente gleichzeitig als Nahrungsquelle (Fleisch, Milch). Aber auch Schweine, Schafe und Ziegen wurden gehalten. Zudem weiss man heute, dass die Kelten bereits Wach- und Hütehunde hielten. Die Jagd nach Wild spielte eine eher untergeordnete Rolle und dürfte ähnlich wie später im Mittelalter ein Privileg der Oberschicht gewesen sein.

      Hochentwickelt war das keltische Töpferhandwerk. Auch Keramik wurde hergestellt und verarbeitet. Hohes Ansehen genoss ausserdem das Zimmerhandwerk, speziell für den Haus- und Festungsbau. Die Kelten waren geschickt in der Herstellung von Fässern und Eimern. Zudem bauten sie vierrädrige Wagen mit Speichenrädern. Auch was die Herstellung von Textilien anging waren die Menschen in den Keltensiedlungen durchaus versiert. Reichhaltige archäologische Funde deuten zudem darauf hin, dass die Herstellung von Schmuck (Ketten, Kleidernadeln, Colliers) einen grossen Stellenwert besass. Die Kelten hatten also wohl einen ausgeprägten Sinn für Ästhetisches.

      Eisen: Eine keltische Spezialität


      Über all den genannten Fertigkeiten stand jedoch die Verarbeitung von Metall. Dadurch sind die Kelten berühmt geworden. Das Schmiedehandwerk wurde bereits in den frühen keltischen Kulturen auf einem vergleichsweise hohen Standart betrieben. Die Kelten verarbeiteten vor allem Eisen. Silber und Gold konnten sie zwar ebenfalls bearbeiten, allerdings waren diese Metalle seltener und schwerer aufzutreiben.

      Das keltische Schmiedehandwerk lässt sich grob in drei Bereiche unterteilen: Waffen-, Grob-, und Feinschmiede. Eisen wurde im Gegensatz zur Bronze nicht gegossen, sondern geschmiedet. Entsprechend waren die von den Kelten gefertigten Waffen (Speer- und Pfeilspitzen, Schwerter, Schildbeschläge), Werkzeuge (Äxte, Hämmer, Zangen, Messer, Scheren, Gabeln, Spiesse) und Landwirtschaftsgeräte (Schaufeln, Sicheln, Sensen) sowie Kleiderbestandsteile (Nadeln, Fibeln, Gürtelschnallen) von guter bis herausragender Qualität, gemessen an den damaligen Standarts.

      Es gibt diverse Beispiele aus der Archäologie, welche die Schmiedefertigkeiten der Kelten eindrücklich belegen: So wurde im Neuenburger See (Schweiz) ein Dolch gefunden, dessen Griff, Klinge und Scheide aus nicht weniger als 45 Einzelteilen, 29 Nietungen und zwei Hartlötungen besteht. Derartige Fertigkeiten wurden im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus selbst von den vermeintlich viel weiter entwickelten Völkern des Mittelmeerraumes nicht übertroffen. Soviel zum Thema „Barbaren“!

      Schmuck und Kleidung: Ein Sinn für Ästhetik


      Über das äussere Erscheinungsbild (Kleider) der Kelten der Westhallstattkultur weiss man relativ wenig. Des vor allem deshalb, weil Textilien im Gegensatz zu Holz- und Metallgegenständen die Zeiten weniger gut überdauern und sich zersetzen. Die Frauen trugen Kleider, die mit Fibeln (Sicherheitsnadeln) zusammen gehalten wurden. Da in Frauengräbern viele Haarnadeln gefunden wurden, gehen die Forscher davon aus, dass die Frauen Hauben, Schleier und Bänder trugen. Auch Halsschmuck, Armringe und Fingerringe wurden getragen, allerdings wohl vor allem von Angehörigen der Oberschicht.

      Die Männer trugen vermutlich weniger Schmuck als die Frauen – darauf lässt sich schliessen, weil in Männergräbern kaum Schmuck gefunden wurde. Vereinzelt tauchen aber Halsringe aus Bronze, Eisen und Gold auf. Diese dürften aber ebenfalls den Angehörigen der oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten gewesen sein.

      Punkto Bewaffnung mussten sich die Krieger der Keltenstämme in der Westhallstattkultur verglichen mit anderen Völkern ebenfalls nicht verstecken: Lanzen, Schwerter, Dolche, Helme, Schilde, Brustpanzer und Beinschienen sind in Mitteleuropa zur damaligen Zeit belegt. Die frühen Kelten dürften sich also auch auf das Kriegshandwerk bereits gut verstanden haben.

      Handelszentren der Macht


      Die Mehrzahl der Bevölkerung lebte zur Zeit der Frühkelten in Dorfsiedlungen. Diese Dörfer lagen häufig inmitten von bebauten Feldern und in der Nähe von Gewässern. Die Häuser besassen in der Regel nur ein Stockwerk und wurden meist aus Holz und lehmbestrichenem Flechtwerk errichtet. Die Dächer waren mit Stroh, Schilf oder Baumrinde gedeckt. Als Wärmequelle diente ein offenes Feuer, dessen Rauch wegen des Fehlens grösserer Fenster durch eine Öffnung im Dach abzog.

      Bereits in der Frühzeit der Kelten ist jedoch auch die Existenz grösserer Siedlungen belegt. Diese Siedlungen entstanden vor allem dort, wo sich wichtige Handels- und Wirtschaftszentren befanden. Im Prinzip unterschied sich die frühkeltische Kultur damit kaum von den heutigen Verhältnissen: Die Menschen liessen sich dort nieder, wo es Arbeit und damit Brot gab. Grössere Handelszentren lagen über das gesamte Siedlungsgebiet der Kelten verteilt. Handel und Verkehr spielten eine bedeutende Rolle für die keltische Wirtschaft. Rohstoffe und Fertigprodukte wurden teilweise über hunderte von Kilometern hinweg transportiert. Ein bekanntes Fernhandelsgut war zum Beispiel Bernstein. Diesen „importierten“ die Kelten von den Küsten Westjütlands und Ostpreussens. Sie trieben jedoch auch regen Handel mit den Kulturen des Mittelmeerraumes. So existierte eine gut dokumentierte Handelsbeziehung zur griechischen Kolonie Massalia (Marseille).

      Ein wichtiges Handelsgut war Salz. Ihm kam eine zentrale Bedeutung bei der Konservierung von Fleisch und der Verarbeitung von Häuten und Metall zu. Es verwundert deshalb nicht, dass sich bereits um 600 v.Chr. auf dem Dürrnberg bei Hallein am Westufer der Salzach (nahe Salzburg) eine grosse befestigte Höhensiedlung (Oppidum) entwickelte, in deren Nähe zahlreiche Handwerksbetriebe angesiedelt waren. Es handelte sich also um ein eigentliches Wirtschafts- und Machtzentrum.
      Je lay emprins – Karl der Kühne nach der Schlacht von Murten 1476

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    • Die Kelten: Gegner und Nutzniesser Roms Teil 2

      Die Festungen der Hallstatt-Fürsten


      Bereits die Keltenkultur der Hallstattzeit (6./5. Jahrhundert v.Chr.) verstand sich hervorragend auf den Festungsbau. Diese Tatsache wird bei der Diskussion über die Kelten oftmals übersehen. Symptomatisch dafür war vielleicht der Gebäude-Baum der Gallier im Spiel „Rome Total War“: Der Spieler konnte mit den Galliern nur primitive Wälle aus Holzpfählen um seine Siedlungen ziehen. Das sorgte schon kurz nach der Veröffentlichung des Spiels für Diskussionen, zumindest unter den historisch interessierten Spielern. Auch im damaligen Total War-Forum gab es entsprechende Diskussionen.

      Fakt ist: Die Kelten der Hallstattkultur waren versierte Festungsbauer. Verschiedene Ausgrabungen in Mittel- und Westeuropa belegen dies auf eindrückliche Weise. Die Festungen der Hallstatt-Kelten wurden in der Regel an strategisch und wirtschaftlich prädestinierten Orten errichtet. Meistens lagen sie auf Hügeln, welche das umliegende Land dominierten. Festungen waren stets auch Fürstensitze: Das heisst, ihre Erbauer und Beherrscher waren hohe Adlige. Eine der am besten erforschten und eindrücklichsten Keltenfestungen der Hallstattzeit ist die Heuneburg. Sie lag auf einem Höhenrücken zwischen Hundersingen und Binzwangen an der oberen Donau.

      Errichtet wurde diese Festung vermutlich im 6. Jahrhundert v. Chr. Ihre Ausmasse sind beeindruckend: Die Keltischen Festungsbauer planierten auf dem Hügel eine Fläche von 300 Metern Länge und 150 Metern Breite. Zunächst wurde die Anlage mit einer Holz-Erde-Mauer befestigt. Im Verlauf des 6. Jahrhunderts v.Chr. wurde diese Mauer dann aber auf eine, für damalige Verhältnisse spektakuläre Weise verändert. Nach dem Vorbild griechischer Stadtumwehrungen errichteten die keltischen Baumeister auf einem Unterbau aus Kalksteinblöcken eine 3 bis 4 Meter Hohe Mauer aus luftgetrockneten Lehmziegeln. Der Mauerring enthielt zwei Tore und war durch mindestens zehn Wehrtürme zusätzlich befestigt.



      Diorama vom Bau der Heuneburg im 6. Jahrhundert v.Chr. Quelle: Informationen zur Heuneburg

      Nicht nur die Mauern, auch das Innere der Festung war genau geplant und angelegt. Die einzelnen Gebäude waren durch kleine Gassen voneinander getrennt, wobei umlaufende Gräben das Regenwasser teils in Zisternen sammelten, teils unter der Mauer hindurch ins Freie leiteten. Vom kleinen Haus mit wenigen Räumen bis hin zum grossen Gehöft waren alle Gebäude aus Holz. Prunkvollstes Gebäude war stets der Fürstensitz, meist eine mehrschiffige Halle. Im Südosten der Anlage befand sich vermutlich das Handwerkerviertel, weil dort grosse Mengen an Bronze- und Eisenabfällen gefunden wurden. Im Norden des Innenraums fand man Häuser, die einen Plattenfussboden aus sauber gefugten Lehmziegeln besassen. Die Archäologen gehen davon aus, dass hier das Quartier der Oberschicht, sozusagen das Villenviertel lag.

      In der näheren Umgebung der Anlage sind zudem zahlreiche Grabhügel zu sehen. Diese haben teils enorme Ausmasse: Der 2 Kilometer westlich von der Burg gelegene Hohmichele hat einen Durchmesser von fast 80 Metern und eine Höhe von 14 Metern. Dieser Hügel war das Grab eines bedeutenden Adligen. Inmitten des Hügels findet sich eine Grabkammer. Darin fanden Archäologen die Skelette eines Mannes und einer Frau. Ihnen waren reichhaltige Grabbeigaben mit in den Tod gegeben worden: Ein vierrädriger Wagen, das Zaumzeug von Pferden und ein grosser Bronzekessel. Es ist davon auszugehen, dass das Grab, welches mehrere Kammern enthielt, noch weitere wertvolle Beigaben enthielt. Diese wurden aber vermutlich im Verlauf der Jahrhunderte geplündert.

      Der im besagten Grab beigesetzte Fürst war also ein bedeutender Mann: Dies lässt den Schluss zu, dass die Beherrscher der Heuneburg ökonomisch wie militärisch mächtig waren. Ihre wirtschaftliche Macht verdankten sie zum einen dem Abbau von Rohstoffen wie Eisenerz und Ton, zum anderen der Kontrolle bedeutender Fernhandelsrouten, die entlang der Donau nach Westen und Süden bis in den Mittelmeerraum verliefen.

      Dass die Keltenfürsten der Heuneburg weitreichende Handelskontakte pflegten, bezeugt unter anderem die Tatsache, dass im Innern der Festung zahlreiche Scherben importierter Keramik aus Südfrankreich, Italien und Griechenland gefunden wurden. Wenn also der griechische Historiker Herodot über den Ursprung der Kelten am oberen Istros (Donau) schreibt, kann daraus gefolgert werden, dass er offensichtlich Kenntnis hatte von den Herren der Heuneburg.
      Je lay emprins – Karl der Kühne nach der Schlacht von Murten 1476

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    • Die Kelten: Gegner und Nutzniesser Roms, Teil 3

      3. Von Hallstatt zu Latène: Die Keltische Welt im Umbruch


      Wie wir in den ersten Kapiteln erfahren haben, erreichte die keltische Kultur in Mitteleuropa im 6. Jahrhundert vor Christus in der späten Hallstattzeit einen ersten Höhepunkt. Mächtige Fürstenstaaten hatten sich etabliert, die in regem Austausch mit den Mittelmeerkulturen der damaligen Zeit standen. Doch im Verlauf des 5. Jahrhunderts wurde das Kernland dieser Hallstatt-Kultur, das sich von Nordostfrankreich über den nördlichen Alpenraum bis nach Tschechien und Slowenien erstreckte, plötzlich von markanten Umwälzungen ergriffen. Bis heute ist unklar, was in dieser Zeit tatsächlich geschehen ist. Da die Kelten selber keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, ist die Informationslage lückenhaft. Aufschluss über den Zusammenbruch der alten keltischen Welt geben primär archäologische Funde.

      Klar ist, dass im Verlauf des 5. Jahrhunderts die in den Vorkapiteln erklärten Fürstensitze der Hallstattkultur ihre Bedeutung nach und nach verloren. Häufig wurden die ehemals mächtigen Burgen und Siedlungen sogar aufgegeben und verlassen. So geschah es auch mit der Heuneburg, über die wir im 2. Kapitel einiges erfahren haben. Die Burg brannte in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts nieder und wurde daraufhin von ihren Bewohnern verlassen. Wer oder was für diesen Niedergang verantwortlich war, ist unklar. Es gibt jedoch gewisse Anzeichen dafür, dass der Macht- und Bedeutungsverlust der Hallstattfürsten nicht friedvoll abgelaufen ist. Dafür spricht die Tatsache, dass viele der mit reichen Beigaben ausgestatteten späthallstattzeitlichen Grabhügel besonders in Süddeutschland schon bald nach ihrer Errichtung geplündert wurden. Es ist also durchaus denkbar, dass es zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen ist, welche schliesslich zum Niedergang der Hallstattkultur geführt haben.

      Ich bin zwar selber kein Historiker. Nach ausgiebiger Lektüre gehe ich aber davon aus, dass entweder eine fremde, von aussen kommende Macht die Hallstattfürstentümer zerstört hat, oder dass es innerhalb der keltischen Stämme zu Umwälzungen, also in gewisser Weise zum „Bürgerkrieg“ kam. Für letztere Theorie spricht die Tatsache, dass sich parallel zum Niedergang der alten Fürstensitze an den Randzonen des Hallstattkreises neue keltische Machtzentren herausbildeten. Das belegen archäologische Funde. Es kam also offenbar zur einer Verschiebung der Macht innerhalb des damaligen keltischen Kulturraums; den Ton gaben nicht mehr die „alten“ Fürsten, sondern neue, sich an der Peripherie entwickelnde Kräfte an. Eines dieser neuen Machtzentren lag beispielsweise im Gebiet zwischen Maas und Rhein, wo zahlreiche Fürstengräber aus dem 5. und 4. Jahrhundert vor Christus gefunden wurden. Auch in der nördlichen Champagne bildete sich in dieser Zeit eine neue keltische Machtbasis heraus. Ebenso prosperierten Regionen am Ostrand des keltischen Siedlungsraumes, also zum Beispiel in Böhmen.

      Ein Tümpel als Namensgeber


      Dass es innerhalb des Keltentums im 5. Jahrhundert zu einer nachhaltigen Veränderung gekommen ist, zeigen die archäologischen Funde sehr eindrücklich. Die Ausstattung und die Fundstücke in den Gräbern veränderten sich nämlich. Während die Fürstengräber in der späten Hallstattzeit in der Regel einen vierrädrigen Wagen und allenfalls einen Dolch enthielten, wurden die reichen Gräber der folgenden Ära mit zweirädrigen leichten Streitwagen, Speeren, Schwertern und Helmen versehen. Deutliche Unterschiede zeigen sich ferner in der Zusammensetzung des Trinkgeschirrs sowie in der Dekoration mit Metallgegenständen, die in einem neuen Kunststil gefertigt sind. Auch dies deutet also daraufhin, dass es innerhalb der keltischen Welt zu meinem massiven Umbruch gekommen war. Diese Epoche, die auf die Hallstattkultur folgte, wird heute als Latène-Zeit bezeichnet. Die Latènezeit ist die eigentliche, klassische Phase des Keltentums, in deren Verlauf sich auch die schicksalhafte Konfrontation der keltischen Welt mit Rom abspielte. Die Epoche hat ihren Namen von einer Untiefe in einem Schweizer Mittellandsee. Diese seichte Stelle liegt an der nördlichen Spitze des Neuenburgersees und heisst La Tene. Noch heute kann man dort in der Nähe als Badender weit in den See hinaus waten, was ich übrigens selber bereits getan habe. Im Gegensatz zu den professionellen Archäologen habe ich dabei aber keine keltischen Überreste gefunden…

      Die Funde, welche in La Tène gemacht wurden, unterschieden sich so markant von jenen in den „alten“ Fundstellen der Hallstattzeit, dass La Tène namensgebend für eine gesamte keltische Kulturepoche wurde.

      Klärung und Verklärung


      Die Erforschung und Würdigung der Latènezeit wird im Gegensatz zur Erforschung anderer antiker Kulturen erst seit verhältnismässig kurzer Zeit betrieben. So erklärt sich auch, dass die Kelten der Latènezeit noch bis vor relativ kurzer Zeit einen unschmeichelhaften Ruf genossen. Sie galten als dumpfe Barbaren, die in erster Linie als militärische Feinde Roms und als Söldner im Mittelmeerraum in Erscheinung traten. Die Tatsache, dass vor allem griechische und römische Historiker zeitgemässe Schriften über die Kelten hinterlassen haben, dürfte zu einem grossen Teil zur Entstehung dieses Rufes beigetragen haben. Römer und Griechen kannten die Kelten hauptsächlich vom Schlachtfeld her. Zudem waren die Autoren der damaligen Zeit – ähnlich wie heute – ihrer Leserschaft verpflichtet. Das heisst: Bereits damals verkaufte sich „Blood and Crime“ weitaus am besten. Und so wurden die Kelten in ein Korsett gedrängt, das zwar teilweise korrekt, aber eben in hohem Masse unvollständig war.

      Mittlerweile weiss man, dass die Kelten der Latènezeit viel mehr waren als blau angemalte Verrückte, die nackt in die Schlacht zogen (dazu später mehr). Anhand der Funde aus der damaligen Zeit hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass die keltische Kultur in der Latènezeit einen Weg beschritt, der in Richtung Hochkultur ging. Sehr anschaulich zeigt sich das anhand des Kunstschaffens (und ja, ihr müsst jetzt einige Abschnitte zum Thema Kunst ertragen :D ).

      Fremd, aber nicht primitiv


      Die Kelten entwickelten im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus eine bemerkenswerte künstlerische Selbstständigkeit. Sie kopierten nicht einfach das, was aus dem Mittelmeerraum an Kunst und Krempel zu ihnen kam, sondern entwickelten eigene, höchst individuelle Motive und Arbeitsweisen. Nimmt man die Regel zur Grundlage, dass eine Kultur dann zur Hochkultur wird, wenn sie eine eigene künstlerische Identität auf hohem Niveau entwickelt, dann gehören die Latènekelten in diese Kategorie.

      Die meisten Erzeugnisse der keltischen Kunst können dem Bereich der handwerklichen Kleinkunst zugeordnet werden: Schmuck, Waffen und Gebrauchsgegenstände aller Art wurden von herausragenden Künstlern mit grosser Liebe zum Detail und hoher technischer Perfektion angefertigt. Die Künstler bedienten sich vor allem einer ausgefeilten Ornamentik, die sich durch Abstraktion und Vieldeutigkeit auszeichnet. Im Gegensatz zur Hallstattzeit, wo eher starre geometrische Muster dominierten, bevorzugte man in der frühen Latènezeit eher weiche, fliessende Formen. Häufig wurden Pflanzen, Tiere, Fabelwesen und menschliche Gesichter in die Ornamentik einbezogen. Beeinflusst worden sind die keltischen Künstler dieser Epoche vermutlich durch Etruskische Kunst, denkbar ist aber auch eine Beeinflussung durch östliche Steppenvölker wie die Skythen.

      Es ist durchaus möglich, dass die Art und Weise, wie die Kelten ihre Kunst gestalteten massgeblich dazu beitrug, dass sie von den Römern und Griechen gering geschätzt wurden. Im Gegensatz zu diesen Mittelmeerkulturen waren den Latène-Kelten nämlich die monumentalen, altorientalisch inspirierten Ausdrucksmittel der Kunst fremd. Die Kelten hatten keine monumentale Steinarchitektur. Sie verzichteten auch auf die szenische Darstellung von Handlungs- und Bewegungsabläufen (also der antike „Comic“) und auf die realistische Porträtierung von Menschen oder Tieren. Alle diese Kunstelemente waren hingegen bei Römern und Griechen omnipräsent und dominierten deren Kulturschaffen.

      Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass die Kelten in ihrer Kunstfertigkeit nicht primitiver, sondern einfach anders waren, als jene Kulturen, die über sie geschrieben haben. Die keltische Kultur hatte andere Grundsätze, andere religiöse Vorstellungen und einen anderen „Code of Conduct“, als die Kulturen im Mittelmeerraum. Die Griechen und die Römer verstanden dies nicht. Sie reagierten mit Ignoranz und Geringschätzung auf die keltische Kunst. Was für die Kunst galt, münzte sich auf die gesamte Betrachtungsweise um. So gesehen sind die Unterschiede zwischen Latènekelten und Griechen/Römern in künstlerischer Hinsicht stellvertretend für ein Nicht-Verstehen zwischen fremden Kulturen - mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.

      Der goldene Armreif von Rodenbach stammt aus einem Grab. Er ist ein Beispiel für die herausragende Kunstfertigkeit der Kelten. Der Reif wurde um 400 vor Christus hergestellt. Seine Verzierung besteht unter anderem aus tropfenförmigen Ornamenten, stilisierten Abbildungen menschlicher Köpfe sowie Darstellungen hockender vierfüssiger Tiere.
      Je lay emprins – Karl der Kühne nach der Schlacht von Murten 1476

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Alpinus ()

    • Erstmal klasse und hochinterresanter Beitrag Alpi. :thank you:

      Bist du dir allerdings wirklich sicher das die Griechen die Gallier als unkultivierte Babaren verstanden?
      Kann ich mir bei den Römern vorstellen aber nicht bei den Griechen besonders wenn man sich die Handelsbeziehungen anschaut.
      Keltische Waren waren soweit ich weiß außerst begehrt in Griechenland.

      Wie weit wirst du gehen, für Rom?
    • Todesritter schrieb:

      Erstmal klasse und hochinterresanter Beitrag Alpi. :thank you:

      Bist du dir allerdings wirklich sicher das die Griechen die Gallier als unkultivierte Babaren verstanden?
      Kann ich mir bei den Römern vorstellen aber nicht bei den Griechen besonders wenn man sich die Handelsbeziehungen anschaut.
      Keltische Waren waren soweit ich weiß außerst begehrt in Griechenland.


      Die Griechen vielleicht ein bisschen weniger als die Römer. Letzlich anerkannten sie die Kelten aber auch nicht als gleichwertig. Die Kelten waren in ihren Augen Barbaren, die vor allem gut kämpfen konnten. Und zur Beliebtheit keltischer Waren: Das stimmt. Auch die Waffen der Kelten galten als Vorzüglich. Allerdings änderte das an der Wahrnehmung der keltischen Kultur insgesamt wenig. Die kulturellen Scheuklappen der Griechen waren aufgrund des Oikumene-Gedankens wohl etwas kleiner als jene der Römer. Aber das sind meines Erachtens Nuancen.
      Je lay emprins – Karl der Kühne nach der Schlacht von Murten 1476
    • Hm, wenn ich es mir genau überlege waren die Griechen genauso davon überzeugt das die Perserr Barbaren wären.
      Bis ein makedonischer König Persien erobert hat.

      Letztendlich sind die Perser wie die Römer, Ägypter, Griechen und auch die Kelten Hochkulturen.

      Bei den Kelten allerdings muss man sagen das sie dazu wurden was sie sind, da sie Kontakt zu vielen anderen Bevölkerungsgruppen hatten.

      Iberer, Karthager Germanen... usw. will aber nicht vom Thema abschweifen ^^

      Wie weit wirst du gehen, für Rom?
    • Im Endeffekt sind alle Hochkulturen durch Kontakte/Handel, Vermischung, Religion etc. entstanden ;) Wobei die Kelten sich eben recht wenig abgeguckt haben, aber meines Wissens nach stark durch Völkerwanderung und Vermischung beeinflusst wurden (Urnenfelder, Streitwagen. die später vorzügliche Reiterei und so weiter)

      MfG
    • Es kommt immer darauf an, wie man eine Hochkultur oder generell Kultur und Zivilisation definiert. Die Kelten haben keine Metropolen gebaut, keine Viadukte angelegt, keine Epen geschrieben und sich nicht mit Geometrie befasst. In dieser "klassischen" Weise betrachtet waren sie tatsächlich "minderwertig" gegenüber Römern, Hellenen, Puniern oder Persern.

      Aber reicht das aus, um sie als primitive Barbaren abzuklassieren?

      Hier kommt ein neuer Ansatz der historischen Betrachtung und Geschichtsschreibung ins Spiel. Wenn eine Kultur derart hochstehende und eigenwillige Kunstgegenstände, Waffen und Werkzeuge herstellt wie die Kelten, wenn sie eine derart tiefe Religiösität aufweist, wenn sie eine komplexe gesellschaftliche Ordnung hat, wenn sie Festungen, Handwerkerviertel errichtet, Bergbau betreibt, sich mit anderen Kulturen ökonomisch und kulturell vernetzt undsoweiterundsoweiter....was ist sie dann?

      Ich denke die heute gängige Definition trifft es am besten: Die Kelten waren ein Volk, das sich in seinen Eigenheiten so stark von den Kulturen des Mittelmeeres unterschied, dass direkte Vergleiche zwangsläufig in Fehlurteilen münden müssen. Die Festlandkelten waren im Begriff, sich zu einer Hochkultur zu entwickeln. Leider wissen wir nicht, wie sich diese Kultur weiter entwickelt hätte. Aus bekannten Gründen.
      Je lay emprins – Karl der Kühne nach der Schlacht von Murten 1476
    • Aber reicht das aus, um sie als primitive Barbaren abzuklassieren?
      Nein, nicht in der Bedeutung. Die Römer haben immerhin massig von den Kelten gelernt (z.B. Handwerkssachen, Landwirtschaft etc. ) und wenn ein ach so zivilisiertes Reich von denen lernt, dann muss es auch was auf den Kasten haben.

      Das Wort "Barbaren" bezeichnet in seiner ursprünglichen Bedeutung einfach "Andere". In dem Sinne dann ja, ohne primitiv.
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    • Alpinus! :thumbsup: Das ist super interessant! Ich weiss, ich bin wieder mal extrem hintendrein, aber dieses Thema wäre es wirklich wert wieder aufzugreifen.
      Über die Kelten habe ich mir vor nicht all zu langer Zeit mehrere Beiträge angeschaut und diese stützen genau das vo Dir geschriebene. Genau wie Du schreibst waren die Kelten herausragend in der Metallverarbeitung und zwar dermassen sensationell gut, dass Sie es sogar verstanden mittels Einsatz von Quecksilber Gegenstände zu vergolden, versilbern! Dabei ist zu bedenken, dass man das Verfahren erst mal kennen, zweitens sich die dazu nötigen Zutaten beschaffen und drittens auch auf hohem Standard einzusetzen vermag.
      Vielleicht kannst Du mir auch sagen was Du genau gelesen hast, was Dich schlussendlich dazu bewogen hat diese Serie zu beginnen. Interessiert mich sehr. Und falls Du noch Lust hast und in der Lage bist das niederzuschreiben, was Du vor bald sechs Jahren angekündigt hast - die Expansionsphase der Kelten - dann nur zu :P Ich würde mich freuen davon zu lesen! :kaffee:
      Warum ich eigentlich hier gelandet bin... ich habe mir auf Steam jetzt auch Rome II Emperor Edition gekauft, war grad ein "günstiger" Moment und bin jetzt hier bisschen auf Streiftour.
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