Eine Schlacht als Symptom islamischer Zerstrittenheit?
Gepostet auch schon im Historik-Forum
Erster Teil:
Ich möchte in diesem Artikel etwas näher auf die Ereignisse rund um die Schlacht eingehen, die sich im Sommer 1097 nahe der Stadt Doryläum in Anatolien zwischen dem christlichen Heer des 1. Kreuzzuges und den Rum-Seldschuken ereignete. Dabei errangen die Kreuzfahrer einen Sieg. Wie so oft wird dieser Schlacht in der klassischen Geschichtsschreibung eine sehr zentrale Bedeutung zugemessen; dabei wird oftmals der Eindruck vermittelt, dass alleine die militärische Komponente im besagten Sommer 1097 die Entscheidung zugunsten der Kreuzfahrer herbeigeführt hat. Speziell im Fall von Doryläum sind die politischen Umstände meines Erachtens aber genauso interessant, wie eine alleinige Konzentration auf die Auswirkungen der puren Waffengewalt.
Im Juni 1097 stossen die Abteilungen des ersten Kreuzzuges von Nicäa aus ins anatolische Hochland vor. Zuvor hatten die christlichen Truppen den Byzantinern – eher unfreiwillig – bei der Rückeroberung von Nicäa geholfen. Die Türken hatten die Stadt in einer Nacht- und Nebelaktion dem Basileus übergeben, um eine Plünderung und Zerstörung durch die Kreuzfahrer zu verhindern.
Politische Situation zur Zeit der Schlacht von Doryläum: KARTE
Marsch in mehreren Abteilungen
Die Befehlsstruktur dieser nun durch die sommerliche Hitze Anatoliens ziehenden abendländischen Armee ist anders, als man es sich aus heutiger Zeit gewohnt ist. Es gibt keinen Oberbefehlshaber im klassischen Sinne. Vielmehr teilen sich mehrere Fürsten die Befehlsgewalt. Der Normanne Bohemund von Tarent führt die Vorausabteilung an. Ihm zur Seite stehen sein Neffe Tankred, Robert Courthose (der älteste Sohn von William dem Eroberer), Robert von Flandern sowie der Byzantinische General Tatikios mit seinen Soldaten.
Eine weitere, etwa gleich grosse Armee steht unter dem Kommando von Gottfried von Bouillon, Balduin von Boulogne, Raimund IV von Toulouse, Stephan von Blois sowie Hugo von Vermandois. Gesamthaft dürfte das Kreuzfahrerheer etwa 30000 Mann stark gewesen sein, es gibt jedoch divergierende Schätzungen. Im Gegensatz zu den Truppen des „Lumpenkreuzzuges“, der einige Zeit zuvor von den Rum-Seldschuken mit Leichtigkeit vernichtet worden war, ist diese Armee gefährlicher. Speziell die stark gepanzerten normannischen Truppen sind äusserst kampfkräftig. Zu Beginn des Zuges in Nicäa sind auch noch viele der Ritter auf Pferden unterwegs. Dies änderte sich später freilich durch Hitze, Wassermangel und Pfeilbeschuss.
Sogar der Schatz bleibt zurück
Den Kreuzfahrern gegenüber stehen die Truppen des Rum-Seldschukenfürsten Kilitsch Arslan. Die Rum-Seldschuken stellen in diesem Heer das Gros der Soldaten. Allerdings ist es Kilitsch Arslan gelungen, sogar seinen Feind Danishmend von der Notwendigkeit eines Kampfes gegen die Kreuzritter zu überzeugen, sodass ihm dieser Hilfstruppen stellt. Das Heer der Seldschuken besteht grösstenteils aus leichter Kavallerie, bewaffnet mit Kompositbögen. Die Stärke ist schwer zu ermitteln, vor allem deshalb, weil die Anzahl der Hilfstruppen unüberschaubar ist. Der „harte Kern“ der Rum-Seldschuken, die Kilitsch Arslan treu ergeben sind, besteht „nur“ aus einigen tausend Reitern. Ich halte Angaben, in denen von 50000 oder mehr Soldaten die Rede ist für übertrieben. Die Armee ist vermutlich etwa gleich gross wie jene der Kreuzfahrer, vielleicht sogar etwas kleiner.
Kilitsch Arslan legt sich mit seinen Soldaten in der Nähe der Stadt Doryläum in den Hinterhalt. Sein Plan ist es, die Kreuzfahrer in einem schmalen Tal aus erhöhter Position heraus zu attackieren. Die Kreuzfahrer wissen jedoch über den Hinterhalt Bescheid und verhalten sich entsprechend.
Kilitsch Arslans Berittene Bogenschützen greifen die Vorausabteilung mit voller Stärke an. Die Muslime handeln im Glauben, sie hätten die gesamte Armee der Kreuzritter vor sich. Die Effizienz der Attacke hält sich in Grenzen. Der Pfeilhagel richtet unter den christlichen Soldaten zwar Verluste an, diese sind jedoch verkraftbar. Bohemund und die Normannen agieren geschickt. Sie verlassen sich auf ihre starke Panzerung und harren im Pfeilhagel aus, ohne sich auf waghalsige Angriffsmanöver einzulassen. Die Taktik der Seldschuken läuft somit ins Leere. Es gelingt ihnen den gesamten Morgen über nicht, die Formation der Vorhut zu zersprengen – das für die Kriegsweise der Seldschuken wichtige Überraschungsmoment ist dahin.
In den Geplänkeln am Rande des Schlachtfelds zeigt sich zudem, dass die Seldschuken gegen die schwer gepanzerten Kreuzritter im Kampf Mann gegen Mann nicht bestehen können. Eine Frontalattacke will der unsichere Kilitsch Arslan deshalb nicht riskieren – aus Angst vor zu hohen Verlusten. Um die Mittagszeit rücken dann auch noch die Truppen unter Gottfried von Bouillon an. Kilitsch Arslans Truppenführer raten ihm dringend zum Rückzug. Der Seldschukenfürst ist unentschlossen. Erst eine weitere Hiobsbotschaft veranlasst ihn schliesslich dazu, Fersengeld zu geben: Hinter den Linien der Seldschuken rückt eine dritte Abteilung der Kreuzritter an. Es sind Soldaten unter dem Kommando von Adhemar de Monteil, dem Bischof von Le Puy-en-Velay. Kilitsch Arslan und seine Emire sowie auch Danishmend fliehen. Ein grosser Teil der eingekreisten Türkischen Truppen hat weniger Glück. Führerlos werden sie von den Kreuzrittern niedergemacht. Sogar der Schatz, den Kilitsch Arslan im Feld stets mit sich führt, um seine Truppen bezahlen zu können, fällt in die Hände des Feindes.
Das Verhalten von Kilitsch Arslan in der Schlacht wirft Fragen auf. So fragt man sich vor allem, weshalb er nicht das Risiko einging, die nominell klar unterlegene Vorausabteilung der Kreuzfahrer im Nahkampf zu attackieren. Sein Motiv wird klarer, wenn man sich die politische Lage vor Augen führt, in der er sich befand. Er hatte die Vor- und Nachteile einer Attacke gegeneinander abzuwägen. Er entschied sich gegen die Attacke, weil er es nicht riskieren wollte Truppen zu verlieren, die ihm später im Kampf gegen die Danishmeniden fehlen würden – eben jene Danishmeniden, die in Doryläum ironischerweise Seite an Seite mit den Seldschuken standen!
Zweiter Teil:
Zum Zeitpunkt, als die Kreuzritter 1096 von Konstantinopel aus allmählich nach Kleinasien überzusetzen begannen, kontrollierte Kilitsch Arslan nicht nur das anatolische Hochland, sondern auch die ehemals byzantinische Stadt Nicäa und deren Umland. Arslan hatte Nicäa sogar zur Hauptstadt seines Reiches gemacht. Seine Macht war aber alles andere als gesichert. Die Byzantiner stellten für ihne keine grosse Gefahr dar. Das wird in den islamischen Überlieferungen immer wieder klar. Mit den „Rum“, den Römern, hatte sich Kilitsch Arslan arrangiert. Er kannte ihre Stärken und Möglichkeiten und wusste, dass sie keine wirkliche Bedrohung waren. Sehr viel gefährlicher waren für den Seldschukenfürsten jene Feinde, die sich in den Reihen seiner eigenen „Glaubensbrüder“ fanden. Einerseits herrschte unter den Seldschuken, einem nomadischen Steppenvolk, eine archaisch-brutale Auslese. Machtwechsel fanden in der Regel durch Morde statt; Brüder töteten Brüder, um sich das Erbe der Väter zu sichern. Nur der Stärkste konnte überleben und sich an der Macht halten. Nicht von ungefähr führte Kilitsch Arslan stets seinen Schatz mit sich, denn nichts war für einen Seldschukenfürsten gefährlicher, als das Vertrauen und den Zuspruch seiner Soldaten zu verlieren, wenn ihm das Geld ausging, um sie zu entlöhnen.
Danishmend oder die Kreuzritter?
In dem nach ihrem ersten Fürsten benannten Reitervolk der Danishmeniden stand Kilitsch Arslan zudem ein ebenbürtiger Gegner gegenüber. Danishmend hatte seine Machtbasis in der Stadt Amasia. Zum Zeitpunkt, als die Kreuzritter unter Gottfried und Co. damit begannen, Nicäa zu belagern, befand sich Kilitsch Arslan bei der Stadt Malatya in Kleinarmenien. Malatya wurde gerade von den Danishmeniden belagert, was für Kilitsch Arslan äusserst gefährlich war. Sollte die Stadt fallen, hätte das eine weitere Ausbreitung des Machtbereiches der Danishmeniden und eine Schwächung der Seldschuken bedeutet. Kilitsch Arslan musste sich also entscheiden: Entweder bekämpft er Danishmend in Malatya und verhindert eine Stärkung seines Erzfeindes oder er greift die „Franken“ an, die neuerlich in sein Reich eingefallen sind, deren Stärke er aber nicht richtig einschätzen kann.
Kilitschs erste Entscheidung ist symptomatisch und irgendwie auch logisch: Er bleibt in Malatya und greift Danishmend an! Das zeigt sehr eindrücklich, dass der Einfall der Kreuzritter, die in den Augen der muslimischen Fürsten in Kleinasien „bloss“ lästige Söldner des Basileus sind, in Kilitschs Einschätzung nur ein Randproblem darstellt. Eine nicht unwichtige Rolle dürfte hierbei auch das klägliche Scheitern des „Lumpenkreuzzuges“ unter Peter von Amiens gespielt haben. Die Seldschuken hatten diese nur unzureichend bewaffneten und unorganisierten Horden leicht vernichten können. Vieles deutet darauf hin, dass Kilitsch Arslan, als er von der Ankunft eines weiteren Kreuzfahrereheeres in Nicäa hörte, der Ansicht war, es handle sich erneut um einen Haufen von schlecht gerüsteten Marodeuren. Erst als die Nachrichten aus Kleinasien immer dringlicher wurden, entschied sich der Seldschuke, die Belagerung Malatyas abzubrechen und nach Nicäa zu ziehen. Beim Anblick der Kreuzritter, die mit schwerem Gerät Nicäa belagerten wurde ihm sein Irrtum wohl schmerzhaft bewusst. Diesmal hatte er es mit einer echten militärischen Bedrohung zu tun.
Nicäa und Kleinasien gehen zurück an den Basileus
Arslans Fehleinschätzung hat Auswirkungen. Einerseits fällt praktisch die gesamte Küste Kleinasiens wieder in die Hände der Byzantiner. Nicht nur Nicäa, auch das von einem autonomen muslimischen Fürsten gehaltene Emirat Smyrna kommt wieder zurück zum Basileus. Was dramatisch klingt, war für die Seldschuken aber offenbar verkraftbar. Kilitsch Arslan hatte beispielsweise Nicäa bewusst dem Basileus übergeben. Einerseits, weil er eine Plünderung der Stadt verhindern wollte – andererseits gehörte Kilitschs schwangere Frau zu den in der Stadt Eingeschlossenen. Man kann davon ausgehen, dass es dem Fürsten nicht zuletzt um das Schicksal dieser Frau ging. Und er behielt recht: Sie wurde nach dem Fall Nicäas in Konstantinopel mit allen Ehren empfangen, genauso die muslimischen Würdenträger der Stadt. Das zeigt, wie sehr sich die Muslime und die Byzantiner bereits aneinander „gewöhnt“ hatten. Man behandelte sich mit einem gewissen Respekt. Die Machtverhältnisse waren in einer Form des Gleichgewichts, welches allzu grosse Umwälzungen behinderte. Die Seldschuken praktizierten einen unausgesprochenen Nichtangriffspakt mit den Byzantinern, weil sie sich gegen gefährlichere Bedrohungen aus dem Osten wehren mussten. Die Byzantiner wiederum waren wie so häufig in Ränkespiele verzettelt und agierten vor allem auf diplomatischer Ebene und weniger auf dem Feld. Die Danishmeniden waren fanatische Muslime, die den Krieg gegen die Ungläubigen propagierten. Sie wären demnach auch eine Bedrohung für Konstantinopel gewesen, wurden aber wiederum durch die Rum-Seldschuken gebunden.
Politische Situation nach der Schlacht von Doryläum: KARTE 2
Was danach geschah, ist hinlänglich bekannt. Die Truppen des ersten Kreuzzuges gelangen ins Heilige Land und begründen die Kreuzfahrerstaaten. Die Entscheidung von Kilitsch Arslan, sich zunächst nicht gegen die Kreuzritter, sondern gegen die Danishmeniden zu richten, hat aus meiner Sicht starken Symbolcharakter. Sie kann als stellvertretend für das Verhalten vieler muslimischer Regionalfürsten angesehen werden, die sich in der Folge mit den Kreuzrittern konfrontiert sahen. Diese Unentschlossenheit innerhalb der islamischen Welt, welche den Kreuzfahrerstaaten letztlich ein relativ langes Überleben sicherte, wurde erst mit dem Auftreten von Saladin Ende des 12. Jahrhunderts beendet.
Kritik ist erwünscht.
Quellen: Amin Maalouf "Der Heilige Kreuzzug der Barbaren", Jonathan Riley-Smith diverse Werke, Wikipedia